Prozess

Eine kleine Geschichte der Gemeinwohl-Ökonomie

Ein Bottom-up-Prozess zum Mitmachen!

 

 

383–322 v. Chr.: Aristoteles

In seiner “Politik” kritisierte der Namensgeber und erste systematische Denker der Ökonomie schon jene Wirtschaftsweise, die nur auf Geldgewinn aus ist, als “widernatürlich” (Buch I, Kap. 8ff.).

Im Gegenzug bestimmte er jenes “gerechte Gute”, das einer “Gemeinschaft zuträglich” und auf das sie verpflichtet ist, also das Gemeinwohl (Buch III, Kap. 12, 1282 b). Es ermöglicht das “gute Leben” und erfordert das “gute Handeln” aller.

 

106–43 v. Chr.: Cicero

„Das Wohl des Volkes soll oberstes Gesetz sein.“ (De legibus III, 3, 8 )

 

1225–1274: Thomas von Aquin

Er bezeichnete das Gemeinwohl als “bonum commune” und leitete in seinem Hauptwerk, der Summa theologiae, ab, dass notwendigerweise “jedes Gesetz auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist.” (Prima Secundae, quaestio 90, articulus 2). Seitdem spielt es auch in der christlichen Soziallehre eine zentrale Rolle.

 

1646–1716: Gottfried Wilhelm Leibniz

Auch nach ihm hat alles Recht dem Gemeinwohl zu dienen, das er – die Erhaltung und das Gedeihen des Universums ausdrücklich einschließend – als Weltgemeinwohl fasste. (Nova methodus discendae docendaeque Jurisprudentiae, Buch I, § 35; Buch II, § 14)

 

1712–1778: Jean-Jacques Rousseau

Er führte in seinem Hauptwerk “Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechts” (Buch II, Kap. 3) aus, dass die Grundlage legitimer politischer Macht der Gemeinwille (volonté générale) ist, der sich auf das Gemeinwohl richtet. Dieser ist von der Summe der privaten Einzelinteressen zu unterscheiden, der volonté particulière, dem individuellen Partikularwillen.

 

1921–2002: John Rawls

Nach seiner “Theorie der Gerechtigkeit” (1971) ist das Gemeinwohl einer Gesellschaft nur durch “zwei Grundsätze” gewährleistet, nämlich die “Gleichheit der Grundrechte und -pflichten” aller sowie den “Grundsatz, dass soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten wie etwa verschiedener Reichtum oder verschiedene Macht nur dann gerecht sind, wenn sich aus ihnen Vorteile für jedermann ergeben, insbesondere für die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft.”

 

1946: Bayrische Verfassung

Die Verfassung Bayerns gibt in Art. 151 als Ziel vor: „Alle wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl.“

 

2001: „Gemeinwohl-Ökonomie“

Joachim Sikora aus Bonn, entwirft gemeinsam mit Günter Hoffmann „Visionen einer Gemeinwohl-Ökonomie“ auf Basis von Regiogeld, Schwundgebühr, leistungsorientiertem Grundeinkommen und Bodenreform. Hier geht es zur Webseite von Joachim Sikora.

 

2006: „50 Vorschläge für eine gerechtere Welt“

In dieser globalisierungskritischen Publikation (8. Auflage) unterbreitete Christian Felber konkrete Maßnahmen, wie die globale Wirtschaft humaner, ökologischer, demokratischer gestaltet werden könnte. Inhaltlich gab es wenig Widerspruch, doch auf der Werte-Ebene wurde hinterfragt, ob die Vorschläge nicht gegen „Effizienz“, „Wachstum“, „Gewinn“, „Erfolg“, „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Freiheit“ gerichtet seien.

 

2008: „Neue Werte für die Wirtschaft“

Die Antwort auf diese Fragen war ein neues Buch, in dem die „Schlagwerte“ des Marktes durchleuchtet und dekonstruiert werden. Nach dem Abschälen des ideologischen Ballastes lag bei der Zusammenschau der Bedeutungskerne die Grobskizze einer neuen Wirtschaftsordnung vor, die im Schlusskapitel des Buches publiziert wurde.

 

2008: Attac-UnternehmerInnen-Gruppe

Auf das Buch „Neue Werte für die Wirtschaft“ meldete sich rund ein Dutzend UnternehmerInnen, die sich von der Alternative angezogen fühlten und anboten, a) die Grobskizze zu verfeinern und b) sich gemeinsam für die Umsetzung einzusetzen. Fast zwei Jahre brütete die Gruppe über dem Modell, bis im August 2010 die „Gemeinwohl-Ökonomie“ zur Welt kam.

 

August 2010: Buch „Die Gemeinwohl-Ökonomie“

Das Buch erscheint beim Wiener Verlag Deuticke. 70 Unternehmen traten als Erstunterzeichner im Anhang des Buches auf. Ursprüngliches Ziel war es, 30 bis 50 Erstunterzeichnende zu finden.

 

6. Oktober 2010: Symposium

Die Attac-UnternehmerInnen gehen erstmals an die Öffentlichkeit und organisieren das Symposium „Unternehmen neu denken“. Wir wollten in einer ersten „Kreiserweiterung“ testen, wie aufgeschlossene und vorausdenkende Unternehmen auf die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie ansprechen. Anstatt der 50 erhofften Gäste kamen 100. Zu einer Pioniergruppe meldeten sich über 20 Unternehmen. Der Gesamtprozess „Gemeinwohl-Ökonomie“ begann.

 

31. Dezember 2010

Die Zahl der mitmachenden Unternehmen wuchs rasch an: 150 Unternehmen trugen sich als Unterstützende bis Jahresende 2010 ein; die Zahl der PionierInnen stieg auf 50. In zahlreichen Regionen entstanden erste „Energiefelder“ von engagierten Personen, die sich für die Umsetzung der Gemeinwohl-Ökonomie einsetzen.

 

21. Jänner 2011: Matrix 2.0

Die Pionier-Unternehmen wurden um ihr erstes Feedback auf die Matrix 1.0, die im Buch publizierte Version, gefragt. Ein Redaktionsteam sammelte die Rückmeldungen und erstellte bis Ende Januar die Version 2.0. Ein Fahrplan zeichnete sich ab: Version 3.0 soll zu Sommerbeginn fertig sein und die für 2011 zu erstellende Bilanz sein. Danach Feedback und Erstellung der Bilanz 4.0 für das „Bilanzjahr II“: 2012.

 

9. Februar 2011: Verein

Bei einem Treffen von Attac-UnternehmerInnen und neu Hinzugekommenen wurde die weitere Strategie beraten und beschlossen: die Gemeinwohl-Ökonomie wird „selbständig“. Ein Förderverein soll die vielfältigen „Stränge“ im „Gesamtprozess Gemeinwohl-Ökonomie“ koordinieren: UnterstützerInnen, PionierInnen, BeraterInnen, AuditorInnen, Redaktionsteam, Energiefelder, Verein.

 

18. Februar: PionierInnen

Kurze Zeit später treffen sich die PionierInnen und tauschen erste Erfahrungen aus. Gemeinsam erstellen sie einen Zeitplan bis zur Gemeinwohl-Bilanz Pressekonferenz im Oktober.

 

Februar 2011: BeraterInnen

Aus dem Kreis der Attac-UnternehmerInnen bildet sich die Plattform der Gemeinwohl-BeraterInnen. Sie wollen die Pionier-Unternehmen im gesamten Prozess begleiten, einen zertifizierten Beruf kreieren sowie eine Gemeinwohl-Akademie aufbauen.

 

24. März 2011: Bilanz ist fertig

Der Software-Unternehmer Paul Ettl fertigt eigeninitiativ eine Rechentabelle für die Bilanz an, die seither laufend überarbeitet wird und in der jeweils aktuellsten Form auf der Web-Unterseite der PionierInnen ist.

 

6. April 2011: L‘Économie citoyenne

Beim Pariser Verlag „Actes Sud“, der auch Joseph Stiglitz und Naomi Klein nach Frankreich brachte, erscheint die französische Ausgabe der Gemeinwohl-Ökonomie: „L’Économie citoyenne“.

 

19. April 2011: Die ersten 10.000

Der Verlag Deuticke meldet: 10.000 Exemplare sind verkauft. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist in der 5. Auflage. Wir planen eine vollständige Neufassung für das Frühjahr 2012.

 

18. Mai 2011: Erste Bilanzen

In einem weiteren PionierInnen-Treffen bringen die mittlerweile auf 70 angewachsenen PionierInnen ihre ersten Bilanzen mit. Tenor: 50 Gemeinwohl-Kriterien sind für das erste Jahr zu viele: Wir wollen lieber reduzieren und langsamer starten von Jahr zu Jahr ein Schäuflein zulegen.

 

30. Juni 2011: Bilanz 3.0

Als Folge dieser Rückmeldungen speckt das Redaktionsteam in mehrwöchiger fieberhafter Tätigkeit die Bilanz auf 18 Kriterien ab. Zu jedem Kriterium gibt es einen einseitigen Factsheet und einen längeren Eintrag im Handbuch. Die Bilanz 3.0 gilt für das erste Bilanz-Jahr 2011. Factsheets und Handbuch werden laufend aktualisiert.

 

13.-17. Juli 2011: Attacademie

Auf der Sommerakademie von Attac Österreich wird ein dreiteiliges Seminar zur Gemeinwohl-Ökonomie veranstalte: Grundsatzfragen (Werte, Prinzipien), Anwendungsfragen (Bilanz), Strategiefragen (Prozess, Demokratie).

 

25. Juli: Ansprechperson für PionierInnen

Günther Reifer übernimmt ehrenamtlich die Betreuung der PionierInnen. Er ist ab sofort Hauptansprechpartner bei allen Fragen und Problemen der PionierInnen-Unternehmen und solche, die es noch werden wollen: pionierinnen@gemeinwohl-oekonomie.org

 

1. August 2011: Organisationskoordinatorin

Dank der großzügigen Beiträge von 15 Unternehmen konnte eine Organisationskoordinatorin hauptamtlich angestellt werden. Barbara Stefan ist so motiviert, dass sie sofort startet und viel Energie, Klarheit, Ordnung und Unterstützung in den Gesamtprozess bringt: koordination@gemeinwohl-oekonomie.org

 

30. September 2011: Kontrolle muss sein

Vor der Veröffentlichung der ersten Bilanzen werden diese extern geprüft. Im Bilanzjahr I „nur“ von anderen Pionier-Unternehmen als auch von BeraterInnen (insbesondere Unternehmen mit Ergebnissen über 600 Punkten). Später werden die Gemeinwohl-AuditorInnen diese Aufgabe übernehmen.

 

5. Oktober 2011: Bilanzpressekonferenz

Pionier-Unternehmen gehen in Bozen, Graz, Klagenfurt, Linz, München, Salzburg und in Wien Pionier-Unternehmen an die Öffentlichkeit, um das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie und die Ergebnisse ihrer ersten Bilanzen vorzustellen. Außerdem stellen sie die ersten politische Forderungen.

 

6. Oktober 2011: Erster Geburtstag

Ein Jahr nach dem Symposium „Unternehmen neu denken“ treffen sich treffen sich alle Beteiligten dieses gewachsenen Gemeinwohl-Prozesses, um sich zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen, zu diskutieren, in die Zukunft zu blicken und gemeinsam zu feiern.

 

31. Dezember 2011: Bilanz 4.0

Die Pressekonferenz wird zu einem zweiten Erweiterungskreis führen und eine neue Feedback-Welle auslösen. Diese wird vom Redaktionsteam „aufgefangen“ und in die Matrix/Bilanz eingearbeitet. Die Version 4.0 gilt dann für das Bilanzjahr II: 2012.

 

2012 – 2015: Richtung Konvent

In den folgenden Jahren werden vermutlich Tausende oder Zehntausende von Unternehmen dem Prozess beitreten und diesen mitgestalten. Die Bilanz wird einmal jährlich überarbeitet. Spätestens die Bilanz 10.0 wird die Vorlage für den Gemeinwohl-Konvent sein, dessen direkt demokratische Wahl wir fordern. Er soll aus den Vorarbeiten ein Gesetz formulieren, über das der demokratische Souverän – das Volk – abstimmen wird. Bei Annahme wird es in der Verfassung verankert, wo es nur wieder vom Souverän geändert werden kann.

 

Stand: 26. September 2011

 

Hier können Sie die Prozessgeschichte als PDF herunterladen.


WDR-Studiointerview zur LitCologne (6 min.)
hier

ERFURT – Die Gemeinwohlökonomie 22. Mai 2012 - 18:00
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